Britische Basistherapie-Studie endet in 700 Millionen Pfund teurem Fiasko – die deutsche Übersetzung

Der Artikel von Jeremy Laurance, erschienen am 4. Juni 2010 im Independent, bezieht sich auf die BMJ-Analyse zum Erfolg des Patient-Access-Scheme des britischen National Health Service (NHS). Auf Grund des großen Interesses habe ich mir die Mühe gemacht, den Text für euch verständlich einzudeutschen. Also los:

Die teuerste öffentlich finanzierte MS-Medikamentenstudie in der Geschichte des britischen NHS muss heute als totales Fiasko bewertet werden. Es wurden mehre Hundert Millionen Pfund verschwendet, nur um zu tieferen Einsichten über den Einfluss der pharmazeutischen Industrie zu gelangen.

Die Studie untersuchte die vier MS-Medikamente (Avonex, Betaseron, Rebif und Copaxone), die in den 1990er Jahren als erste echte Behandlungsoptionen gegen das Fortschreiten der Multiplen Sklerose bejubelt wurden. Im Vereinigten Königreich waren von der Krankheit damals etwa 80.000 Menschen betroffen.

Bereits 2002 entschied das National Institute for Clinical Excellence (NICE), dass die Medikamente nicht effektiv genug sind, um vom National Health Service zur MS-Therapie eingesetzt zu werden. Auf Druck von Patientenorganisationen und Pharmaindustrie entwickelte die NHS dann jedoch ein sogenanntes Patient-Access-Scheme, um den Kranken den Zugang zu den teuren Therapien (pro Patient jährlich etwa 8.000 Pfund) doch noch zu ermöglichen. Für den Fall, dass die Medikamente ineffektiv wären, wurden mit den Herstellerfirmen deutliche Preisnachlässe vereinbart.

Obwohl der erste Bericht über die Behandlungsergebnisse schon nach zwei Jahren verfügbar war, wurde er erst sieben Jahre später, nämlich im Dezember 2009 veröffentlicht, denn das Behandlungsziel wurde verfehlt. Die Medikamente konnten die Krankheitsprogression (definiert durch die Gehfähigkeit) nicht nur nicht verlangsamen, sie könnten sie sogar beschleunigt haben. Auf Grundlage solcher Ergebnisse müssten die Pharmaunternehmen den National Health Service eigentlich für den Einsatz ihrer Medikamente bezahlen.

Doch trotz des ernüchternden Befundes wurden weder Gelder zurückerstattet noch die Preise gesenkt. Das Überwachungsgremium der Studie hielt weitere Folgebeobachtungen und Analysen für notwendig. Es sei schließlich noch völlig offen, ob der Krankheitsverlauf der Patienten tatsächlich aggressiver geworden sei – oder bloß das zugrundegelegte Erfolgskriterium Gehfähigkeit die Resultate unterdurchschnittlich erscheinen ließe.

So nahmen bis 2009 insgesamt 5.583 Patienten am Patient-Access-Scheme teil. Über sieben Jahre entstanden dem NHS dadurch Kosten in Höhe von rund 350 Millionen Pfund. Die britische MS-Gesellschaft berichtet, dass darüber hinaus noch einmal doppelt so viele Menschen außerhalb der Studie mit den untersuchten Medikamenten behandelt wurden. Das bedeutet, dass das britische Gesundheitssystem geschätzte 700 Millionen Pfund für eine wirkungslos Behandlung ausgab. (Das sind zur Stunde 846 Millionen Euro.)

In einer Reihe von Artikeln kritisieren Experten im aktuellen British Medical Journal die abwartende Haltung des NHS:

James Raftery, Professor an der University of Southampton und NICE-Berater, bemängelt, dass dem Überwachungsgremium die Vertreter der vier Pharmaunternehmen, von zwei MS-Gruppen und den behandelnden Neurologen angehörten. Alle hatten sich für den fortgesetzten Einsatz der Medikamente über den NHS eingesetzt. «Die Neutralität des Überwachungsgremiums ist daher fragwürdig», erklärte er, denn «Beobachtung und Auswertung der Resultate müssen unabhängig erfolgen. Transparenz ist essentiell, einschließlich jährlicher Berichte, freiem Datenzugriff und dem Recht auf Veröffentlichung. All das hätte dazu beigetragen, dass gegenwärtige Fiasko zu vermeiden.»

Christopher McCabe, Fakultätsleiter der Gesundheitsökonomie an der University of Leeds, schrieb den Kollegen im BMJ: «Keiner der Gründe, die zur Preisfindung angeführt werden, hält einer kritischen Betrachtung stand.» McCabe erklärte the Independent: «Wir sollten uns die Frage stellen, warum wir für diese Medikamente bezahlen. Für eine Wirkung auf die Behinderungsprogression gibt es keine Beweise.»

Alastair Compston, Professor für Neurologie an der University of Cambridge, verteidigt das Patient-Access-Scheme. Er meint, das Programm habe – unabhängig von seinen negativen Resultaten – zumindest die Situation der MS-Patienten durch die Weiterentwicklung von Krankheitsverständnis und Pflege verbessern können.

Neil Scolding, Professor für Neurologie an der University of Bristol, merkt an, dass das Verhältnis der in Großbritannien mit Basistherapeutika behandelten Patienten (10 bis 15 Prozent) im Vergleich zu Frankreich und Deutschland (40 bis 50 Prozent) klein sei. Zudem habe das Patient-Access-Scheme zur Anstellung von 250 spezialisierten MS-Krankenschwestern geführt und obwohl es sich jetzt als teueres trojanisches Pferd herausstelle, schreibt er weiter, könne das Patient-Access-Scheme allein durch das Heer der ausliefernden MS-Spezialisten für die Patienten ein Erfolg sein.

Die britische MS-Gesellschaft unterstellt dem Patient-Access-Scheme zwar Erfolg bis 2007, aber nach der Veröffentlichung der Ergebnisse im Dezember letzten Jahres zog sie ihre Unterstützung zurück.

MS: Warum die Medikamente nicht helfen

Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung, die über 40 und mehr Jahre verläuft. Bei Entwicklung von Medikamenten zur Progressionsverlangsamung wurde, um schnelle Wirkungsnachweise zu ermöglichen, auf MRT-Scans der entzündlichen Hirn-Läsionen zurückgegriffen. Viele Experten vermuten allerdings mittlerweile, dass die Läsionen die Krankheit nur wenig beeinflussen, denn weniger Läsion bedeuten offenbar nicht zwingend weniger Behinderung. Die Medikamente behandeln die Läsionen, nicht die MS.

Soweit Jeremy Laurance im Independence. Wenn ihr mir für meine Mühe mit diesem Artikel danken wollt, dann verlinkt ihn tüchtig im Netz.

24 Gedanken zu „Britische Basistherapie-Studie endet in 700 Millionen Pfund teurem Fiasko – die deutsche Übersetzung

  1. CAFF

    Schn und gut, aber was sollen denn die Meinungen von irgendwelchen Experten einfach so?
    Was fr einen Reim soll man sich darauf machen?
    Man kann jetzt glauben, was einem gefllt.
    Und das ist ein bissserl arg mager.

    Um wirklich Sinn zu machen gehrt eine Zusammenbfassung der Ergebnisse hier rein, sodass man die Argumentation auch nachvollziehen kann, warum Leute dies und das meinen.
    So aber ist Dein Artikel leer, ohne Bedeutung und ohne irgendeine Relevanz.
    Auer Du biste der Meinung, dass man jetzt das als bare Mnze nehmen sollte.
    Ich bin nicht zufrieden!
    Auch nicht mit dem verlinkten Artikel von Jeremy Laurance und ebenfalls nicht mit der verlinkten „Analyse“ des BMJ, fr der Begriff Analyse viel zuviel gesagt ist.
    Das Ganze liest sich wie eine Literaturkritik etc.
    Es fehlt Fleisch.

    🙁

  2. Alexander Otto

    Don’t blame the messenger,

    ich habe blo den Artikel von Laurance bersetzt – Zahlenmaterial fehlt mir ja auch. Und das ist wohl auch der ganze Witz an der Sache. Das Advisory Committee behinderte die vollstndige Verffentlichung der Daten – und ich finde sie immer noch nicht.

    Two year results (2002-2005) of clinical cohort study with historical comparator:
    In the primary per protocol analysis, progression in disability was worse than that predicted and worse than that in the untreated comparator dataset („deviation score“ of 113%; excess in mean disability status scale 0.28). In sensitivity analyses, however, the deviation score varied from 72% (using raw baseline disability status scale scores, rather than applying a „no improvement“ algorithm) to 156% (imputing missing data for year two from progression rates for year one).

    Kannst du mehr auftreiben?

    Gre an H

  3. memphy

    Nah super.

    Da hat man es wieder.
    Es geht rein um Profit und sonst nichts.

    Jeder der da mitspielt soll am Geld ersticken.

  4. Wolfgang Weihe

    Es ist ein Skandal, und niemand regt sich besonders auf!
    Bemerkenswert ist, dass der erste Bericht bereits 2005 erstellt wurde, aber es wurde auf Anraten der britischen MS-Gesellschaften und MS-Experten abgewartet, um nicht etwas voreilig zu verdammen. Dann wurde das zweite Ergebnis Ende 2009 verffentlicht. Dieses beinhaltete das Abschneiden von Patienten in den Jahren 2005-2007. Auch hier zeigte sich, dass das Abschneiden nicht nur schlechter war, als der NHS berechnet hatten, sondern auch schlechter als in der unbehandelten Kontrollgruppe. Merkwrdigerweise wurde dieser Artikel kaum zur Kenntnis genommen, obwohl sein Fazit keineswegs abstrakt oder schwer nachvollziehbar war, sondern sich vor allem darauf bezog, dass die Medikamente die Krankheitsverschlechterung nicht aufhielten. Jetzt liegt das endgltige Ergebnis vor. Es lautet schlicht und kurz: Die Medikamente Betaferon, Avonex, Rebif und Copaxone verzgern nicht eine etwaige Behinderung durch die MS, sondern knnen sie sogar beschleunigen.

    Geht also alles weiter wie bisher?
    Nun werden die interessierten Parteien unterschiedlicher Meinung sein, ob die Studie ein Erfolg oder ein Riesenreinfall ist. Die Gesundheitsminister werden sagen, sie htten es ja gleich gesagt. Aber auch die Befrworter der Medikamente werden nicht um Ausreden verlegen sein. Und noch etwas anderes ist zu frchten: Ist die Bahn jetzt nicht frei fr andere, noch teurere Prparate, wie das Natalizumab (Tysabri), das knapp 26.000 pro Jahr und pro Patient kostet? Und das unabhngig davon, welche Kontroll- und Sicherheitsuntersuchungen noch zustzlich erforderlich sind?

    Hat die Glaubwrdigkeit der DMSG gelitten?
    Und welcher Schaden ist fr die Glaubwrdigkeit der DMSG entstanden? Immerhin hat sie ja sogar die Betainterferontherapie zum Standard einer guten MS-Therapie erklrt. Wie konnte es berhaupt passieren, dass man diese Medikamente auf den Rang einer Basistherapie erhob? Also einer Therapiegrundlage, die immer einem gesunden Leben, einer gesunden Ernhrung und einer gesunden Luft vorbehalten war. Die Gesundheitsminister und die Krankenkassen sind den Empfehlungen der DMSG gefolgt, weil sie sich darauf verlassen haben, diese rzte wrden nie etwas empfehlen, was nicht notwendig und zum Wohl der ihnen anvertrauten Patienten ist.
    Aber ist jetzt nicht zu frchten, dass sie Tysabri und die neuen oralen Medikamente mit derselben Zungenfertigkeit empfehlen, wie sie es bei den Betainterferonen und bei Copaxone gemacht haben? Und werden sie von dem so gefhrlichen Standpunkt abrcken, es sei gut, mit der Pharmaindustrie zusammenzuarbeiten?

    Wir wrden wieder so entscheiden.
    Ich frchte, sie werden sagen, sie htten alles genau geprft und htten zu keinem anderen Schluss kommen knnen. Darum seien ihre Empfehlungen im Nachhinein zu rechtfertigen. Und ich hoffe, man wird nicht das sagen, was eine Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu der gescheiterten Impfkampagne gegen die Schweinegrippe gesagt hat: Niemand wrde doch auf die Idee kommen, die Investition in den Brandschutz als Defizit zu verbuchen, wenn kein Brand auftritt.
    Aber gab es wirklich keine Skeptiker im rztlichen Beirat? Ist dieser wirklich nur der Tanzbr der Pharmaindustrie? Niemanden, der gesagt hat, die Bedenken der Basistherapiegegner seinen nicht nur Bauchgefhle von Kuterhexen, sondern ernsthafte Grnde. Denn es ist und bleibt hochgefhrlich eine Krankheit mit einschneidenden Einschnitten ins Immunsystem behandeln zu wollen, wenn man eigentlich keine Ahnung hat, welche Ursache diese Erkrankung hat.

    Hat die Studie dennoch den MS-Betroffenen gentzt?
    Stimmt es, wenn man jetzt sagt, durch die DMSG-Leitlinien habe man die Versorgung der MS-Betroffenen eigentlich verbessert? Trotz des erschreckenden Ergebnisses dieser Studie? Ohne die Studie gbe es z.B. nicht so viele MS-Schwestern. Aber wre das so schlimm? Und Alastair Compston (Neurologe an der Universittsklinik in Cambridge) schreibt in einem Interview, das Ergebnis der Studie sei eigentlich so worthwile wie das Hlzerne Pferd, das die Griechen zur Eroberung Trojas verwendet htten. Meint er das ernst? Um wen geht es denn eigentlich, um die Griechen oder die Trojaner?

    Darf man so mit MS-Patienten umgehen?
    Im Grunde genommen ist das Hohn gegenber denen, den man schweren Schaden zugefgt hat? Nicht nur finanziell, sondern vor allem, wenn man das Leid bedenkt: durch die oft schwer zu berwindende Hemmung, sich selbst zu spritzen, durch die grippehnlichen Beschwerden, die Kopfschmerzen, die Hautvernderungen, die Bedenken gegen eine Schwangerschaft, die zustzlichen Schmerzmedikamente und die unabsehbaren Langzeitrisiken?
    Sie hatten das Ganze im Grunde genommen doch nur deshalb auf sich genommen, weil sie sich darauf verlassen hatten, dass die Medikamente den Verlauf ihrer Krankheit aufhalten, eventuell sogar eine Verschlechterung verhindern. Und hat man nicht manch einem, dem es unter den Spritzen schlechter ging, gesagt: Ohne die Medikamente wrde es Ihnen noch schlechter gehen?

    Warum lest ihr keine Beipackzettel?!
    Aber jetzt wird man so argumentieren: Das mit dem Verlauf hat ja niemand behauptet, und das steht ja auch nicht in den Beipackzetteln. Ihr habt das nur geglaubt und gehofft. Wir, die Hersteller und die Vertreter der MS-Gesellschaften, haben aber nur gesagt, dass die Medikamente die Schub- und Herdzahl reduzieren. ber den Langzeitverlauf haben wir uns nicht geuert, weil wir darber nichts Genaues wissen. Wir haben uns also vllig korrekt verhalten. Allerdings sind wir denen in aller Schrfe entgegengetreten, die an unseren MS-Patienten sparen wollten. Die also verhindern wollten, dass die Krankenkassen die Kosten bernehmen, weil die Therapie zu teuer sei. Und das ist auch noch immer unsere Meinung: Niemals darf an Medikamenten gespart werden, weil sie zu teuer sind! Und auerdem, wir haben ja immer die Rckendeckung durch die Deutsche Gesellschaft fr Neurologie (DGN) gehabt, durch alle gngigen Lehrbcher und die DMSG.

    Wie wirksam sind die Medikamente wirklich?
    Das zeigt, wie sich die Katze in den eigenen Schwanz beit, wie also die Verantwortung der Pharmafirmen zu den MS-Experten in den groen MS-Gesellschaften weiter gereicht wird. Aber darber hinaus gab es schon immer eine groe Verwirrung, wie wirksam die Spritzen wirklich sind. Das zeigen die folgenden Zahlen, die im Umlauf sind, ohne dass jemand wei, was eigentlich stimmt.
    – Helfen die Spritzen denen mit einem schubfrmigen Verlauf tatschlich in einem Drittel der Flle. Wird also jeder Dritte durch die Medikamente besser?
    – Oder werden eigentlich alle besser, weil bei jedem die Schbe um 30% reduziert werden?
    – Oder sind es nur die Herde, die um 30% reduziert werden?
    – Oder sind es gar nicht 30%, sondern nur 14%, wie die MS-Broschre der Universittsklinik Hamburg-Eppendorf sagt?
    – Und sollen die Betainterferone nicht auch helfen, wenn man keine Schbe hat?

    Sind Arztbesuche zu TV-Inspektionen verkommen?
    Fragen also ber Fragen, aber viele haben gedacht: Das ist mir zu schwierig, ich verlasse mich auf den Rat der Experten, und die sitzen in den Ambulanzen der Universittskliniken und den Kompetenzzentren der DMSG.
    Ist es nicht wirklich so, dass die Arztbesuche fr MS-Patienten zu TV-Inspektionen verkommen sind. So wie jemand zu Recht schreibt: Computerprogramme schaffen Einblick, Mess-Tabellen geben Bewertung. Und wenn ich nach den evozierten Potentialen wieder entkabelt bin, dann bekomme ich mit etwas Glck die Plakette: Keine gravierenden Sicherheitsmngel! Darf am ffentlichen Leben teilnehmen bis zur nchsten Hauptuntersuchung.

    Warum wussten die Experten nicht schon lngst Bescheid?
    Die Frage bleibt: Warum haben die Experten geschwiegen? Warum haben sie sogar im Gegenteil Druck auf ihre Patienten ausgebt, sich unbedingt behandeln zu lassen? Das haben die meisten nicht getan? Wirklich? Sie haben Sie nicht zu einer frhzeitigen Therapie gedrngt? Sie haben nicht gesagt, dass die MS sich ohne Medikamente heimlich in Ihrem Gehirn und Rckenmark weiter fortfressen wird? Sie sind nicht als unbelehrbar abgespeist oder von Gutachtern als jemand behandelt worden, dem es noch nicht schlecht genug geht, um Anspruch auf eine Rehabilitation, einen Behindertenausweis oder eine Rente zu haben? Es wurde Ihnen nicht gesagt, dass die Medikamente besser seien als die Krankengymnastik?

    Warum schweigt der Patientenbeirat?
    Es muss doch seit lngerem in Fachkreisen bekannt gewesen sein, was die Studie ergeben wird. Und trotzdem wurden die Betroffenen ermuntert, sich weiter zu spritzen. Ist das nicht furchtbar? Warum hat der Patientenbeirat kein Wort gesagt?
    Und die Daten sind fr den Interessierten immer noch nicht zugnglich. Das heit, sie werden im Expertenkreis von DMSG-Mitgliedern diskutiert. Doch die schweigen. Weil sie nachdenken? Weil sie beschmt sind? Auch rzte knnen umgarnt werden. Aber darf das sein? Sollen Patienten weiter das tun, was ihnen Experten empfehlen? Oder mssen sie zum gesunden Menschenverstand und so schrecklich, wie es klingt zum Bauchgefhl zurckkehren.

    Sind wir selbst Schuld?
    Kann man sagen: Wir alle sind schuldig? Wir waren nicht kritisch genug, haben nicht genug gefragt oder gelesen? Ich persnlich glaube das nicht. Die Informationen sind so unbersichtlich und schwierig geworden, dass der Laie, der Betroffene und nicht einmal mehr die rzte den berblick behalten knnen. Aber dennoch gibt es Schuldige. Es sind die Mitglieder der MS-Gesellschaften, die mit ihrem Fachwissen und dem ihnen entgegen gebrachten Vertrauen Schindluder getrieben haben.

  5. miezekatze

    Hi,

    interessiert eigentlich irgendjemanden, dass die Medikamente nur behaupten, die Schubhufigkeit und -intensitt zu verringern, die Studie aber die Vernderung der Gehfhigkeit untersucht?

    Dass die Verschlechterung des Gehens beziehungsweise Kraftlosigkeit zu Nebenwirkungen der Interferone gehren, ist ja kein Geheimnis.

    Wenn nun (angenommen) die Interferone tatschlich die Schbe positiv beinflussen, knnte man sich damit beschftigen, wie man die negative Wirkung auf die Gehfhigkeit loswird.

    Ich vertraue einer Studie, die nicht das untersucht, was sie zu untersuchen behauptet, nicht wirklich.

    Aus meiner Sicht ist nur eine hufige Nebenwirkung der Interferone besttigt worden. Ist auch was, aber eben nicht das, was eigentlich gesucht wurde.

    lg,
    miezekatze

  6. Grinsekatze

    Und was empfiehlst du uns jetzt Miezekatze? Zusatzmedikation mit AMPYRA (Dalfampridine)?

  7. miezekatze

    Hi,

    naja weitermachen wie bisher… abwgen, wie sich die Risiken (Nebenwirkungen ller art) zum erwarteten Nutzen (profitiere ich davon, unter die 30% zu kommen?) verhalten, sich fr oder gegen eine BT entscheiden, und absetzen, falls keine besserung der Schubhufigkeit eintritt oder die Nebenwirkungen einen mehr belasten als die Probleme durchdie MS.

    Bisher habe ich immer gehrt, dass Leute, die durch zB Avonex Probleme mit dem Gehen bekommen haben, wieder besser (= wie vorher) gehen konnten, nachdem sie es abgesetzt hatten. Das spricht dafr, dass diese Probleme durch die BT direkt ausgelst werden und nicht durch die MS (vermittelt durch die BT) – dann wrden sie ja nicht mit Absetzen der BT verschwinden.

    Nochmal: meiner Ansicht nach sind wir durch die Studie auch nicht schlauer als vorher. Wir wissen nicht, bei wem eine BT wann und warum die Schbe positiv beeinflusst, und wir wissen, dass viele Patienten Gehprobleme durch die BT bekommen, die nach Absetzen der BT wieder aufhren.

    lg,
    miezekatze

  8. Alexander Otto

    Hallo Herr Weihe,

    ich bin gerade erst dazu gekommen ihren Text zu lesen. Erst mal Danke fr ihre Mhen. Ich hatte mich bisher um eine Stellungnahme gedrckt, da mir die Besonderheiten des britischen Gesundheitssystem, im Besonderen dessen Priorisierungspraxis, doch etwas Schwierigkeiten machen.

    Ihre Fragen Herr Weihe, sind allerdings nicht so einfach von der Hand zuweisen – und um einen technokratisch biologistischen Aspekt mchte ich ihre berlegungen noch ergnzen:
    Wenn man der Arzneimittelentwicklung nmlich ein evolutionres Moment unterstellt, was bedeutet es dann, wenn nutzlose Medikamente ber viele Jahre marktbeherrschend bleiben drfen? Also fr die Hersteller keine konomische Notwendigkeit zur Entwicklung besserer Therapien besteht? Dann wrden wirksamere Medikamente mglicherweise wegen genialer Lobbyarbeit und Public Relation erst mit (?)jhriger Verzgerung verfgbar.
    Ein beunruhigender Gedanke.
    Beste Gre

  9. CS

    Gerade frisch aus dem Arzneimittel-Report der Barmer GEK:

    Die klinischen Effekte einer krankheitsmodifizierenden Arzneitherapie der MS fallen jedoch auf Basis der verfgbaren Evidenz eher enttuschend aus. Zum Einen ist die Reduktion der Schubfrequenz durch Medikamente relativ gering ausgeprgt sowie auerdem nur fr kurze Zeitrume nachgewiesen und ein Fortschreiten der Behinderung kann wohl hchstens marginal hinausgezgert werden. Zum Anderen geht die Anwendung dieser Mittel mit starken Nebenwirkungen einher und hinter der Langzeitsicherheit stehen zum Teil noch unbeantwortete Fragen.

  10. Gerold

    Habe 2006, nach eintretender Verschlechterung und gegen den eindringlichen Rat des Neurologen und weil Niemand meine Frage zur Langzeitvertrglichkeit beantworten konnte, die BT mit Avonex eingestellt. Bis heute habe ich es nicht bereut.

  11. Wolfgang Weihe

    Lieber Herr Otto,

    ich frchte, Sie haben mit Ihrem beunruhigenden Gedanken Recht. Wre es nicht (aus ‚rationalen‘ Grnden) verrckt, ein Medikament, das sich gut verkauft, nur deswegen vom Markt zu nehmen, weil es unwirksam ist? Das ist ja die echte Rationalittsfalle, die ich sehe.

    Und noch eines: Ich glaube, dass man bei bestimmten Medikamenten (wie z.B. Cortison) Jahre und Jahrzehnte lang nicht nachweisen kann, ob sie wirken oder nicht wirken. Nmlich dann, wenn sie ‚Scharlatane‘ sind, wenn sie also ’scheinbar‘ wirken: ’scheinbar‘ einen Schub verkrzen oder ’scheinbar‘ weniger Schbe und Herde machen.

    Und dieses ’scheinbar‘ knnte in verrckter Weise noch mehr verkompliziert werden, wenn das Medikament Schbe und Herde unterdrcken wrde und trotzdem den Langzeitverlauf verschlimmert.

    Es knnte also Medikamente geben, die genau das tun, was sie sollen, aber trotzdem schdlich sind. Ein bekanntes Beispiel in der Vergangenheit war Tambocor: Es verhinderte Herzrhythmusstrungen und verkrzte dennoch die Lebenserwartung. Und vielleicht knnte es ja auch mit der Sonnenschutzcreme auch so sein: Es schtzt vor Sonnenbrand, erhht aber die Gefahr von Hautkrebs. Wobei ich aber Letzteres – wei Gott – nicht behaupten will!

    W.W.

  12. franz schelling

    Hohl war die Begrndung der medikamentsen MS-Therapien immer:
    Die Diagnose MS ruht selig darauf, da fr diverse neurologische Affektionen KEINERLEI BEKANNTE Ursache zu finden ist.
    Die Deklaration EINE BEKANNTE Ursache der fatalen Affektionen nachweisen zu knnen (oder drfen!!!) berechtigte – und berechtigt anscheinend weiter – zur Annahme, DIE NICHT BEKANNTE Ursache mssen (bei verschiedensten Arten von Schden auftretende) LYMPHOCYTEN sein, die – ausser bei der MS – immer zum Abrumen irreparabel geschdigten Gewebes ntig sind.

    Die bsen MS-LYMPHOCYTEN garantieren bsartigerweise, da UNBEKANNT BLEIBT, was der MS tatschlich zugrunde liegt.

    Der BASIS-THERAPIE-Wurm frisst weiter munter um die MARKSCHEIDEN …
    pardon, im Mark der MS-Forschung ‚rum.

  13. Cosma

    Was, wenn es tatschlich wenigen (30% finde ich wenig) hilft und der Grund dafr der ist, dass Interferone gegen diverse Vieren und auch Chlamydien wirksam sind.
    Leider ist kein Neurologe zeitlich in der Lage so differeziert auf seine Patienten einzugehen und die „validen 30%“ Patienten von der „Kontrollgruppe 70%“ zu unterscheiden. Das einzige was jetz hilft ist, dem Patienten zu vertrauen, denn –
    „Die Wahrheit ist immer das, was der Patient sagt, was wahr ist.“
    Sobald die Untergruppen der MS feststehen sollte es Licht im Dunkel geben!

  14. Alexander Otto

    Gute Frage, Herr Dr. Weihe: Warum schweigen die MS-Experten?
    Jetzt ist die Studie endlich verffentlich worden, hat ber 8.000.000 gekostet und wird von den Journalisten als ein totales Fiasko bewertet. Bemerkenswert ist, dass der erste Bericht bereits 2005 erstellt wurde, aber es wurde auf Anraten der britischen MS-Gesellschaften und MS-Experten abgewartet, um nicht etwas voreilig zu verdammen. Dann erschien das zweite Ergebnis Ende 2009. Dieses beinhaltete das Abschneiden von Patienten aus den Jahren 2005-2007. Auch hier zeigte sich, dass die Prognose nicht nur schlechter war, als der NHS berechnet hatten, sondern auch schlechter als in der unbehandelten Kontrollgruppe.

    Merkwrdigerweise wurde dieser Artikel kaum zur Kenntnis genommen, obwohl sein Fazit keineswegs abstrakt oder schwer nachvollziehbar war, sondern sich vor allem darauf bezog, dass die Medikamente die Krankheitsverschlechterung nicht aufhielten. Jetzt liegt das endgltige Ergebnis vor. Es lautet schlicht und kurz: Die Medikamente Copaxone, Rebif, Avonex und Betaferon (kurz CRAB) verzgern nicht eine etwaige Behinderung durch die MS, sondern knnen sie sogar beschleunigen.

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  18. Rottach (Neurologe)

    Kosten für Immunmodulatoren bei MS in Deutschland.: 1 Mrd. Euro /Jahr
    ———————————————————————————————-
    Laut „Arzneimittelverordnungsreport“ von 2010 kann man ausrechnen:

    in Deutschland wurden ca. 16 Mio „definierte Tagesdosen“ von Rebif, Avonex, Betaferon und Copaxone mit einem durchschnittlichen Preis von 58 € pro „Tagesdosis“ verordnet.

    Das sagt aus: knapp 44.000 Patienten werden für unterm Strich knapp 1 Mrd. Euro pro Jahr in unserem Land damit behandelt. Tysabri ist da noch nicht mit dabei.

    Ich bin nicht der Meinung, dass die Medikamente generell unwirksam sind. Nach meinen irrelevanten eigenen Erfahrungen haben etwa 20 % der Patienten einen starken Effekt und weitere 30 % einen mäßigen oder vorübergehenden Effekt.

    Es stellt sich aber die drängende Frage: steht es der Pharma-Industrie zu, für seit fast 20 Jahren existierende Produkte, die nur einen geringen Effekt haben, weiterhin einen solch unverschämten Mondpreis zu verlangen?

    Weitere Zahlenspiele: in England wurden nur etwa 16.000 Pat. immundmoduliert; in 7 Jahren für 800 Mio Euro. Dort gibt man also 110 Mio Euro pro Jahr aus. Hierzulande das 9-fache für die 3-fache Zahl an Patienten. Heißt für mich: die dummen Deutschen zahlen auch den 3-fachen Preis. Welch eine Herausforderung für die „Gesundheitsexperten“.

  19. Alexander Otto

    Danke für die anschauliche Kalkulation. Ich fürchte, diese Entwicklung führt unser Gesundheitssystem bald an seine Grenzen. Auch wenn es hochnotpeinlich ist, Priorisierung wird unvermeidlich – und da hat der Herr Hoppe recht, die muss öffentlich diskutiert werden.

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